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Jahresrundbrief im Dezember 2023

Mannheim, im Dezember 2023

Der Wissenschaft wird zugemutet, was sie nicht leisten kann. In einem wissenschaftsabergläubischen Zeitalter wird die

Wissenschaft benutzt zum Verdecken unlösbarer Tatbestände.

Karl Jaspers

 

Liebe Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

 

das vergangene Jahr hat uns dem ersehnten Frieden nicht nähergebracht. Aus der Perspektive nüchterner politischer Analyse wurde im Verlaufe des Jahres immer deutlicher, dass den internationalen Playern, die mittels des Krieges auf imperiale Machtausweitung setzen, eine überforderte und konzeptionslose politische Klasse in Europa gegenübersteht, die im Blick auf die imperialen Autokraten im Wesentlichen mit denselben materiellen Instrumenten der Macht argumentiert und handelt. So ist des Leidens und der kriegerischen Auseinandersetzung kein Ende!

 

Genauso illusorisch wäre es,- wir erleben es täglich in unserer politischen Landschaft -, allein mit idealistischen Friedensideologien Frieden erlangen zu wollen. Vielmehr wären die Entscheidungsträger gut beraten im Dienste ihrer Völker neue Friedenslösungen zu ersinnen und dann auch umzusetzen. Neue Lösungen sind stets das Ergebnis politischer Kreativität, die aus dem Bewusstsein der Grenzsituation und in der Bemühung um Annäherung an die Wahrheit erwächst und so zugleich dem Frieden und den Maßgaben von Freiheit und Gerechtigkeit dienen kann. Solche Kreativität erschlösse eine „Erweiterung von Welt“, die jedes große Kunstwerk auszeichnet. Erweiterung von Welt wird hierbei zu einer Chiffre, die den Streit um Überlebensräume, bislang noch in jedem Krieg von zentraler Bedeutung, ernst nimmt und neu beantwortet.

 

Neue Freiheitsräume, die keineswegs missverstanden werden dürfen als idealistische Gespinste, sondern zu begreifen sind in ihrer ideell – materiellen, eben realen Doppelstruktur, in welcher die Dualität kreativ überwunden ist, wie dies unser Freund Holger Zaborowski in seinem Werk im zurückliegenden Jahr uns stetig nahegelegt hat. Begleitet hat uns zudem im laufenden Jahr, in den Universitätsseminaren, Vorträgen und Publikationen unseres Hauses das oben zitierte Wort von Karl Jaspers, das in die fortbestehenden epistemologischen Unklarheiten hinein ermahnt und zurechtrückt. Überlegungen von Giorgio Agamben (2020/2021), haben uns gezeigt, wohin eine Politik führt, die etwa in einer Pandemie politische Handlungsstrategien allein von der wissenschaftlichen Erkenntnis der Naturprozesse erwartet. „Objektive“ Fakten werden dann zur Grundlage vorgeblich zwingender politischer Entscheidungen wie dogmatische Aussagen in Glaubenskriegen vergangener Jahrhunderte.

 

In den Universitätsseminaren, die wiederum live in der Karl Jaspers Bibliothek der Universität Heidelberg stattfanden, haben uns namhafte Referenten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaftstheorie und Ethik an die Grundfragen ethischen Erkennens und Handelns herangeführt. In konsequenter Systematik haben wir im WS 2022/2023 zunächst die wissenschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Entscheidungsfelder von Ethik und Medizinethik in grundlegenden Beiträgen bearbeitet. Im Sommersemester 2023 standen die Positionierungen und Konzepte der Ethik und Medizinethik im Fokus. Im laufenden Wintersemester 2023/2024 gelangten wir zu den Fragen nach den Quellen der Wertebildung in Ethik und Medizinethik. In den Blick genommen wurden Weltanschauung, Religion, Anthropologie und wissenschaftliche Konzepte. Entsprechend der seit langem gewachsenen Grundeinsicht, der das IEPG Räume erschließen möchte, wurde auch den Künsten im Rahmen unserer Veranstaltungen ein angemessener Raum eröffnet, um Künste und Wissenschaften in Dialog und Auseinandersetzung treten zu lassen. Zur Eröffnung des Wintersemesters fand ein Klavierabend mit der namhaften Pianistin Weronika Chodakowska, Hochschule für Musik Warschau, im Konzertsaal des Augustinums in Heidelberg statt. Am Werk von Chopin und seinen Schülern zeigte sich, wie im Spannungsfeld von Romantik und Klassik neue Synthesen gewonnen wurden und so ein Abgleiten in bloßen Subjektivismus zu vermeiden war. In dem darauf folgenden Vortrag von Dietrich von Engelhardt wurde auch medizin- und kunstgeschichtlich deutlich, dass Lösungen im Spannungsfeld zwischen Vernünftigkeit und Gefühl gefunden werden können. Weitere Vorträge von paradigmatischem Format haben wir noch zu erwarten. Prof. Michael Esfeld, prominentes Mitglied der Leopoldina wird am 12. Januar 2024 zum Thema „Wissenschaft, Ethik und Naturrecht“ vortragen. Er ist während der Corona-Krise hervorgetreten als Vorkämpfer für wissenschaftliche Freiheit und Wahrheit, und damit zugleich für eine Wissenschaft, die um ihre Grenzen weiß und die sich gegen den Missbrauch durch die Politik verwahrt.

 

Auf eine Reihe neuerer Publikationen aus unserem Hause, die im Verlauf des Jahres erschienen sind, so u.a. zu Themen von Suizidologie, Schmerz- und Grenzsituationen und Verschwörungstheorien ist gerne hinzuweisen. Die Referenzen erfahren Sie über das Sekretariat oder unsere Homepage. Zu Beginn des Jahres wird eine Monografie (H. A. Kick) zum Thema „Die therapeutische Situation und medizinische Ethik. Erkenntnisprobleme – Indikation – Dilemmata und Lösungsansätze im Spannungsfeld von therapeutischer Identität und Rolle“ erscheinen (Kohlhammer Verlag). Kurz vor Fertigstellung ist der von Violeta Dinescu und H. A. Kick gemeinsam herausgegebene Sammelband (Universitätsverlag Winter) zu den letztjährigen Heidelberger Silvestergesprächen zum Thema „Friedenssehnsucht – Wissenschaften und Künste zwischen Krieg und Frieden“ mit Beiträgen von Autoren aus unserem Arbeitskreis. Die diesjährigen Silvestergespräche finden am 29. Dezember wiederum in der Karl Jaspers Bibliothek statt unter dem Thema „Wendezeiten und Zäsuren in Wissenschaften, Künsten, Politik und Gesellschaft“. Violeta Dinescu hat in ihrer Komposition „Gehäuse für Akkordeon con voce“, erneut Texte von Karl Jaspers aufgegriffen. Das Werk wird im Rahmen der Silvestergespräche zur Uraufführung gelangen. Die zentralen Texte von Karl Jaspers, die in die Komposition eingegangen sind, finden Sie auf dem Beiblatt, als philosophischen Appetizer.

 

Als Mitarbeiter und Freunde des Instituts IEPG dürfen wir in einem weit gefächerten, interdisziplinären Kontext wirken. Es fördert dies einen Geist der Nüchternheit und Hoffnung zugleich. Zu nennen sind in diesem Jahr die Mitglieder und Freunde des Leitungskreises Walter von Lucadou und Hartmann Römer, Ordinarius em. für Theoretische Physik, Freiburg (Neue Monografie: Quanten, Komplementarität und Verschränkung in der Lebenswelt, 2023), denen die Aufdeckung der Verschränkungsgegebenheiten unserer Welt, anschlussfähig zum neuesten Stand von Quantenphysik und der Psychologie der Grenzphänomene und Grenzsituationen, ein besonderes Anliegen ist. In gleicher Weise hervorzuheben ist hier die innovative Erweiterung systemischer Theoriebildung, die bisher meist auf einem schlichten Konstruktivismus fußte, durch unseren Freund Paul Imhof.

 

Dieses Grenzgängertum können wir im Rahmen des Arbeitskreises des Institutes pflegen, gemeinsam mit solchen Künstlern und Wissenschaftlern, die offen sind für ein besinnliches Denken. Besinnliches Denken und Offenheit für das Geheimnis (M. Heidegger), sei es das weihnächtliche Geheimnis, sollen auch weiterhin für uns wegweisend bleiben.

 

So grüßt Sie das Leitungsteam des IEPG, verbunden mit den besten Wünschen für die Weihnachtsfeiertage, den Jahreswechsel und das bevorstehende Neue Jahr 2024

 

Ihr

Hermes Andreas Kick, Walter von Lucadou, Heinz Scheurer, Wolfram Schmitt, Arno Remmers

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