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IEPG – Institut für medizinische Ethik, Grundlagen und Methoden der Psychotherapie und Gesundheitskultur
Institute for Medical Ethics, Psychotherapy and Health Culture

Jahresrundbrief im Dezember 2020

Mannheim, im Dezember 2020

Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem – die Heilung eine musikalische Auflösung. Je kürzer und dennoch vollständiger die Auflösung, desto größer das politische – musikalische – künstlerische Talent des Handelnden

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

die obige Aussage frei nach Novalis, die wir als Leitungsteam dem Jahresrundbrief voranstellen, lässt uns nachdenklich werden in geistig und politisch beunruhigenden Zeiten. Solche Zeiten lassen nach Ursachen, Verursachern und Schuldigen fragen, aber vor allem nach Lösungsansätzen. Als Sophokles den König Ödipus während des peloponnesischen Krieges auf die Bühne brachte, wütete in Athen eine Seuche, der rund ein Viertel der Bevölkerung zum Opfer fiel. Niemand dachte an eine Schließung des Theaters. Es war klar, was auf der Bühne geschieht, geht alle an, alle die wissen wollen, was gespielt wird (!). Ödipus zwingt den Seher Teiresias, der um das Geheimnis weiß, mit Gewalt zu einer Aussage, die gegen ihn ausschlägt: „Du bist der Mann!“ Ödipus erträgt die Konfrontation mit der Wahrheit nicht, sieht sich Verschwörungen und einem Netz von Verfolgern ausgesetzt. Wahrheit bedarf eines Empfangsraumes des Vertrauens, der diese Wahrheit aushält. 

In dem Filmklassiker von Werner Herzog „Nosferatu“ zeigen die Schlussszenen die grassierende Pest. Auf den Straßen wird ausgelassen gefeiert inmitten eines Heeres von Ratten, die auf das Unheil weisen. Nicht aber liegt die Bedrohung in der Seuche allein. Die Bedrohung liegt dieser voraus: Eine Gesellschaft, die Tod, Vergänglichkeit verdrängt, eines zentralen Motives der Zeitigung entbehrt, stagniert. Sie hat keine Zukunft, kein besinnliches Denken in die Zukunft hinein, keine Vision, die dem Leben dient. Genial wird erfasst, nicht etwa ist die Seuche ein Phantom, sondern das Phantom die Voraussetzung, die wirksame Bedingung der Durchschlagskraft der Seuche. Ist der Prozess erst soweit fortgeschritten, wird es schwierig zu erkennen, was überhaupt wissenschaftlich zu erkennen ist. Anstatt einen Empfangsraum für die Wahrheit zu schaffen, wird das Phantom bekämpft. Wissenschaften und Künste sind aufgerufen zusammenwirken, um Ursprung und Transzendenz des Geschehens zusammen zu bringen. 

Die Symposiumsveranstaltung am 18. und 19. Januar 2020 konnte noch im universitären Klinikums-Hörsaal in Heidelberg stattfinden zum Thema der „Herausforderungen angesichts medizinischer Hightech und Robotik“ mit Vorträgen von Prof. Dr. Axel W. Bauer, Mannheim, Dr. Dr. Walter von Lucadou, Freiburg, Prof. Dr. Hartmut Kress, Bonn, Prof. Dr. med. Peter M. Vogt, Hannover, und Prof. Dr. Hartmut Römer, Freiburg. Danach war das Jahr 2020 geprägt von den aktuellen ethischen und medizinethischen Herausforderungen. Als solche waren sie in unserer traditionellen Seminarreihe an der Universität Heidelberg nach der auferlegten Pause im Sommersemester, im Wintersemester 2020/21 unter dem Thema „Medizinethik in der Pandemie: Praktische Fälle, Allgemeinwohl und ethische Dilemmata“ aufzugreifen, die als Videokonferenz durchgeführt wurde. Deutlich wurde in den Vorträgen von Dr. Oliver Schulz, Prof. Dr. Axel W. Bauer und Frau Dr. Romfeld, Dr. Dr. Walter von Lucadou, sowie von Frau Rechtsanwältin Beate Bahner, dass es unerlässlich ist, die unterschiedlichen Ebenen empirisch-medizinischen Wissens, juristischer Argumentation und verfassungsrechtlicher Überlegungen klar zu unterscheiden. Keinesfalls ergibt sich eine politische Entscheidung aus der medizinisch-empirischen Datenlage allein. Im Sommersemester 2021 wird uns die Analyse des Interface zwischen medizinischen Befunden und politischer Entscheidung weiter beschäftigen. Ein wichtiges Anliegen wird außerdem sein, klassische literarische Werke zur Pandemieproblematik mit heranzuziehen, nicht als illustratives Beiwerk, sondern um zu Fragestellungen zu kommen, die hermeneutische Verstehensvarianten aufschließen für die uns ständig begegnenden Missdeutungen, mehr noch und ethisch gesprochen, um solche zurechtzurücken oder ins rechte Maß zu bringen.

Die publizistischen Aktivitäten und Buchveröffentlichungen sind unter den Umständen des Jahres und dem zwangsläufigen Rückgang persönlichen Austausches noch wichtiger geworden. Noch in diesem Jahr konnte der Sammelband „Leiblichkeit und Seele im Spannungsfeld von Weltbezug und Transzendenz“ mit 16 prominenten und unserem Arbeitskreis nahestehenden Autoren abgeschlossen werden. Er knüpft an den früheren Band zu „Leib und Leiblichkeit als Krisenfeld in Psychopathologie, Philosophie, Theologie und Kunst“ an und setzt das Anliegen einer interdisziplinären Anthropologie fort. Er erscheint in unserer Reihe „Affekt – Emotion – Ethik“ als Band 19. Des Weiteren ist im Laufe des Jahres die Monographie „Border Situations – Crises – Postcritical Creativity. Karl Jaspers and Processdynamic Perspectives“ (H. A. Kick) erschienen. Zu erwähnen ist auch der eben erschienene weitere Band „Heidelberger Silvestergespräche“, herausgegeben von Wolfram Schmitt und Walter von Lucadou in Zusammenarbeit mit allen Vortragenden und Freunden. Er geht auf die schöne Veranstaltung zu Silvester des Jahres 2019 an dem literarischen Traditionsort „Wolfsbrunnen“ in Heidelberg zurück mit vielen interdisziplinär zu verortenden Beiträgen zum Thema „Widerständigkeit des Konkreten und Erweiterung von Welt in Wissenschaften und Künsten“.

Dankbar können wir als Leitungsteam auf viele Begegnungen per Korrespondenz, per digitale Medien und auch nach wie vor persönlich zurückblicken. Insgesamt überwiegt so die Hoffnung auf ein gutes neues Jahr, die wir verbinden möchten mit Wünschen für gelingendes Handeln und glückhaftes Empfangen solcher Güter, die wir zum Leben brauchen. Zu diesen zählt auch, wovon wir im 2. Teil des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach erfahren, „Brich an du schönes Morgenlicht…“

Ihr

Prof. Hermes A. Kick 

Hermes Andreas Kick, Walter von Lucadou, Arno Remmers, Heinz Scheurer, Wolfram Schmitt 

Leitungsteam des IEPG